Gipsy Homestories

Mancherorts in Rumänien und der Republik Moldau stehen Häuser, die aussehen wie Märchenschlösser : In monumentaler Größe überragen sie die traditionellen Einfamilienhäuser, Türmchen ragen in den Himmel, und mit Zink gedeckte Dächer schimmern im Licht. Die Grundstücke sind gesäumt von schmiedeeisernen Zäunen, nicht selten bewacht von Furcht einflößenden Hunden, auf der Auffahrt stehen große Autos. Seltsam deplaziert wirken diese Bauten in ihrer Umgebung ; der eine oder andere westeuropäische Besucher ist verblüfft, und die ordentlichen « Gadjos » in der Nachbarschaft äußern sich abfällig über diese architektonischen Grausamkeiten oder belächeln die Entfaltung von Kitsch. Diese Gebäude wurden von Roma gebaut. Es gibt inzwischen eine durch Metall-Recycling reich gewordene Schicht von Roma, die ihren Wohlstand voller Stolz zeigt.
Ich habe ihre Häuser erstmals auf einer Rumänienreise 2006 gesehen. Ich war fasziniert von dieser Extravaganz und der grandiosen Fantasie, mit der die Häuser hergerichtet waren, und ich war neugierig, wie sie von innen aussehen. Und so machte ich mich im Spätsommer 2007 erneut auf den Weg nach Rumänien, um die Hausbewohner in ihren Häusern zu fotografieren. Häufig wurde ich offen empfangen, die Familien zeigten ihren Besitz gern und ließen sich bereitwillig ablichten. Ihre Bauwut treibt mitunter bizarre Blüten : Riesige Säle in Marmoroptik werden eingerichtet, von denen Doppeltreppen abgehen, Türme sind nicht betretbar, da sie offensichtlich nur zur Zierde gebaut wurden, luxuriöse Küchen bleiben unbenutzt, da in alten oder provisorischen Küchen gekocht wird, manchmal auch draußen, und ganze Etagen stehen leer, während die Familien lediglich ein paar Räume bewohnen, oder sogar nur die Garage. Die Gestaltung schien häufig inspiriert zu sein von Neuschwanstein, Disneyland oder « Dallas », es sah oftmals aus, als ob sie irgendwo etwas gesehen hätten, was ihnen so gefallen hat, dass sie es auch haben wollten. Und immer wieder schien es Stolz zu sein, der aus den Mienen sprach. Sie inszenierten sich selbst inmitten ihrer prachtvollen Dekors. Es scheint, sie hätten ihre Häuser eigentlich nicht zum Wohnen und Leben erbaut, sondern eher zum Repräsentieren : Es gibt oft Säle, die nicht geschlossen sind, mehrere riesige Räume, zum Teil unmöbliert, gehen ineinander über.
Es interessiert mich, wie Menschen aus einem ursprünglich fahrenden Volk ihren Lebensraum gestalten, wenn sie sesshaft werden, wie es aussieht, wenn Menschen ohne eine traditionelle Wohnkultur plötzlich die Möglichkeit haben, ihre Wohnträume ganz nach ihren Wünschen zu verwirklichen. Daher richte ich den Fokus auf Darstellungen wohlhabender Roma in ihren Häusern.
Das Leben der Roma wird bei uns häufig romantisch verklärt. Wenn wir an Roma denken, kommen uns häufig  Begriffe wie Freiheitsliebe, Wildheit und Lebensfreude in den Sinn, wir denken an Leben im Freien, Feste, Musik und Tanz, eine sozialromantisch positiv besetzte Armut, aber auch an Bettelei und Kleinkriminalität. Es gibt jedoch auch eine kleine Gruppe unter den Roma, die es zu beträchtlichem Reichtum gebracht hat und die diesen Reichtum ohne Bescheidenheit zur Schau stellt. Mit meinen Fotos möchte ich einen neuen, vielfach unbekannten Aspekt darstellen, ein Gegengewicht schaffen zu unseren Klischees von Roma, die Klischees in Frage stellen – oder auch ein neues Klischee schaffen ?